Meine Stimme, mein Geheimnis?

Unternehmen wie Postfinance und Swisscom identifizieren ihre Kundinnen und Kunden anhand der Stimme. Dadurch entfallen lästige Sicherheitsfragen, was wertvolle Zeit einspart. 

Unsere Stimme besteht aus über 200’000 individuellen Merkmalen. Sie ist so einzigartig wie unser Fingerabdruck oder unsere Gesichtsmerkmale. Dabei ist der Klang der Stimme nur ein Teil des Stimmabdrucks. Auch die individuelle Art und Weise, wie eine Person spricht, wird analysiert. Gibt es erste Anzeichen von Demenz? Leidet jemand unter einer Depression? Oder besteht sogar die Gefahr, dass sich eine Person das Leben nehmen will? Auch hochsensible Informationen wie diese lassen sich aus der Stimme herauslesen. Dank Künstlicher Intelligenz sind dafür nur wenige Sekunden nötig.

Wissen wir überhaupt, wo unser Stimmabdruck überall gespeichert ist? Wahrscheinlich nicht, denn in der Schweiz pflegen viele Unternehmen eine Opt-out-Strategie: Wir werden darüber informiert, dass ein Stimmabdruck angelegt und später verwendet wird. Sagen wir in diesem Moment nicht explizit nein, wird von unserem Einverständnis ausgegangen, wobei die Deaktivierung später noch möglich ist. Ein zentrales Problem bleibt: Haben wir verstanden, zu was wir ja gesagt haben?

In der EU ist die Opt-out-Strategie seit der Einführung der Datenschutzgrundverordnung verboten. Unternehmen benötigen das explizite Einverständnis der Betroffenen (Opt-in-Strategie). Auch der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte hält dies beim Stimmabdruck in der Schweiz für nötig, weil es sich um biometrische Merkmale handelt. Doch er kann nur Empfehlungen aussprechen.

Gerade weil wir tagtäglich eine Unmenge an Informationen verarbeiten müssen, bin ich überzeugt, dass eine Opt-in-Strategie zur gelebten Kundenorientierung und damit zum ethischen Handeln eines Unternehmens gehört. Gleichzeitig stärkt diese Geschäftspraxis die Digitalkompetenz des Einzelnen, indem wir uns ganz bewusst mit dem Nutzen und den Folgen digitaler Innovationen auseinandersetzen müssen. Das lässt sich nicht mehr an andere delegieren.

 

Kolumne von Cornelia Diethelm, Gründerin des Centre for Digital Responsibility (CDR), einem Think Tank für Digitale Ethik