Analoger Gemüsehandel erfolgreich digitalisiert

Wie kommen eigentlich Rüebli in die heimische Küche? Die meisten Schweizer Bauern verkaufen an Grossisten, die dann wiederum die Händler beliefern. Doch dabei fällt für die Landwirte für die ganze Arbeit nur wenig Geld ab. Deshalb gehen immer mehr Betriebe den Weg der Selbstvermarktung, zum Beispiel mit einem Hofladen. Einen Schritt weiter ging Markus Bernhardsgrütter, als er 2010 SaisonBox gründete. Er wollte digital einen grösseren Kundenkreis erreichen, heute bietet er Bäuerinnen und Bauern die Möglichkeit, die Kundschaft im Abo mit frischem Gemüse zu versorgen. Ein gelungenes Beispiel der Digitalisierung eines sehr analogen Teils der Wirtschaft.
 
Es sind engagierte Bäuerinnen und Bauern, welche die Versorgung mit Lebensmitteln sichern. Sie sind täglich an der Arbeit, auch bei Regen und Sturm. Doch sie sind meist auf Grosshändler angewiesen, welche ihnen für frisches Gemüse und Obst einen kaum existenzsichernden Preis bezahlen. Von dem, was Konsumentinnen und Konsumenten im Laden für die Rüebli oder die Äpfel bezahlen, geht nur ein Bruchteil an die Landwirtschaft - welche aber den grössten Teil der Arbeit geleistet hat. 
 
 
Bild: z.V.g.
 
 

Digitalisierung als Chance

Dies bemerkte auch Markus Bernhardsgrütter aus dem sankt-gallischen Gossau, als der gelernte Landwirt 2010 gerade in der Weiterbildung zum Agrotechniker steckte. Er tüftelte deshalb an einem Onlineshop für die Direktvermarktung von landwirtschaftlichen Produkten und liess dafür die Marke «SaisonBox» eintragen. Dies weckte auch das Interesse von Matthias Ruoss, ebenfalls Landwirt und Agrotechniker HF, der 2012 zu SaisonBox stiess.
 
Mit einem eigenen Shop begannen die beiden Landwirte, Erfahrungen im Vertrieb von Gemüse zu sammeln. Andere Bauernbetriebe sprangen auf den Zug auf. Der erste «Standort» wurde 2013 mit der SaisonBox Zug der Familie Rüttimann in Cham angeschlossen, weitere folgten. Heute sind es bereits neun Standorte in der Deutschschweiz und der zehnte soll Anfang 2022 im Tessin dazukommen.
 
Seit 2016 ist das Unternehmen eine GmbH, alle Standorte arbeiten aber auf eigene Rechnung und unabhängig. Die SaisonBox GmbH stellt lediglich das System zur Verfügung und übernimmt die Administration. Das Sortiment, die Kommissionierung und die Lieferung liegen in der Verantwortung der einzelnen Standorte, SaisonBox kassiert nur eine kleine Kommission, je nach bezogenen Leistungen.
 
 

Mit Apps zum Erfolg 

Doch das 2016 eingeführte IT-System mit ERP und Onlineshop stiess schon bald an seine Grenzen. So wurde das bestehende System 2019 durch eine Kunden-App ergänzt, dies aufgrund der gemachten Erfahrungen und Rückmeldungen der verschiedenen Standorte. Mit dieser App konnte die Kundschaft ihr Gemüse-Abo praktisch steuern, Abos abschliessen, ändern oder auch unterbrechen.
 
Allerdings war dies erst der Anfang, auch für die Standorte musste die IT-Lösung von SaisonBox noch optimiert werden. Deshalb bietet das Unternehmen seit 2020 auch für die produzierenden Betriebe verschiedene Apps an, je nach Bedürfnis: Die Produzenten-App, mit der die Artikel verwaltet und das Liefergebiet erfasst werden kann sowie die Driver-App, welche die Lieferungen und Gebinde effizient plant und die Route optimiert. 
 
Seit 2021 steht mit der Packer-App noch eine vierte App zur Verfügung, welche der Kommissionierung der Boxen dient und zum Beispiel die grammgenaue Verrechnung der Ware erlaubt. 
 
 
Bild: z.V.g.
 
 

Individuelle Softwareentwicklung als Trumpf

Für alle Apps hat sich Markus Bernhardsgrütter an einen spezialisierte IT-Anbieter gewandt, der diese Individualsoftware eigens für SaisonBox erarbeitet hat. Dass sein eigener Bruder Softwareentwickler bei einem spezialisierten Unternehmen in St. Gallen ist, war und ist ein glücklicher Zufall.
 
Dabei wurden zuerst die Ideen der Beteiligten gesammelt, die technischen Möglichkeiten dafür ausgelotet und klar skizziert, was genau gewünscht und was davon auch umsetzbar war. 
 
Von dieser individuellen Software profitieren nicht nur die verschiedenen Standorte, sondern auch die Kundschaft. Diese kann nun mit einem Klick die Bestellungen kontrollieren. Aber auch den Bäuerinnen und Bauern helfen die innovativen Apps, den administrativen Aufwand dank SaisonBox zu senken und so auch die Wertschöpfung zu erhöhen.
 
 

Partnerschaft mit SBV als Win-win-Situation

Seit einem Jahr hat SaisonBox auch eine Partnerschaft mit dem Schweizer Bauernverband (SBV), mit Vorteilen für alle Beteiligten. Der SBV kann interessierten Landwirtschaftsbetrieben auf diese Weise ein modernes und innovatives Onlineshop-System anbieten, während SaisonBox so wachsen und neue Standorte an das System anschliessen kann. 
 
Die Firma SaisonBox GmbH ist ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie auch die Landwirtschaft, in der noch viele Prozesse analog sind, von der Digitalisierung profitieren kann. Mit dem Angebot von SaisonBox erreichen Landwirtschaftsbetriebe eine neue Kundschaft, können sich auf Ihr Kerngeschäft konzentrieren, profitieren aber gleichzeitig von besseren Verdienstmöglichkeiten und verringern ihre Abhängigkeit von Grossisten. Und die Kundschaft kommt in den Genuss von frischem Gemüse aus der Region, das zu attraktiven Preisen.
 
Das innovative Projekt SaisonBox hat auch die Aufmerksamkeit der Zeitschrift «Schweizer Bauer» geweckt, die das Unternehmen für den Leserpreis 2021 nominiert hat. Die Leserinnen und Leser konnten online abstimmen. Am 4. November 2021 wurde in Bern anlässlich der Verleihung des Agropreises der Teilnehmer mit den meisten Stimmen geehrt. Und auch wenn es für SaisonBox nicht ganz gereicht hat, den grossen Preis abzuräumen: Die Nominierung ist bei der grossen Konkurrenz durchaus als Erfolg zu werten – er ist den beiden Innovatoren zu gönnen.  
 
 

Sechs Fragen an Markus Bernhardsgrütter

 
topsoft Fachredaktion: Warum haben Sie sich entschieden, auf Apps statt einer «gewöhnlichen» Online-Plattform zu setzen?
 
Markus Bernhardsgrütter: Für uns war die Richtung klar: SmartPhone first, die meisten Leute surfen und shoppen mit dem Handy und nicht mehr am Computer. Auch sollten die Bauern das System einfach am SmartPhone bedienen können. Die Idee war also: Die Lösung muss für das Mobilgerät konzipiert sein. Aber natürlich gibt es auch für den PC eine entsprechende App.
 
 
Wie lange dauerte die Entwicklung, ab wann waren sie startklar? 
 
Es war ein längerer Prozess. Wir profitierten von zehn Jahre Erfahrung mit anderen Lösungen und verschiedenen Shops. Wir wussten dann, was wir brauchen und auch, was die Kundschaft möchte. So konnten wir die App passgenau entwickeln.
 
 
Was empfehlen Sie den Unternehmen, die Bereiche oder Prozesse digitalisieren möchten? Wie sollen sie vorgehen? 
 
Das Ziel ist: Qualität, Qualität, Qualität. Es muss einfach tadellos funktionieren. Dann ergibt sich der Rest fast wie von selbst. 
 
Und auch wichtig: Manchmal muss man auch nicht jeden kleinen Prozess auf Biegen und Brechen digitalisieren – Papier und Stift können in relativ unwichtigen Teilbereichen auch ganz gut funktionieren. 
 
 
Was würden Sie heute anders oder genau gleich machen?
 
Die Unabhängigkeit ist uns nach wie vor wichtig, da würden wir nichts daran ändern wollen. Wir sind den eigenen Weg gegangen, langsam und stetig. Stets mit eigener Kraft, auch finanziell, ganz ohne fremde Investoren – und das gefällt uns.
 
Vielleicht würden wir heute mit der gemachten Erfahrung die Software früher selbst entwickeln. Vermutlich hat es aber einfach diese Zeit gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Wichtig ist in unseren Augen, langsam und stetig zu wachsen. Das minimiert die Risiken, man kann sich schneller anpassen und bleibt flexibel. Und auch wichtig: Es gibt keinen Druck von irgendwelchen Investoren, die nur das «Return of Investment» sehen wollen. 
 
 
Welche Kundenfeedbacks haben Sie gefreut/geärgert?
 
Wir sind intrinsisch motiviert, unser Bestes zu geben. Und da helfen uns alle Feedbacks. Generell sind die Kundenstimmen sehr positiv, oft bringen sie auch gute Ideen ein, die wir dann umsetzen. Bei uns steht in erster Linie die Bauernbetriebe im Vordergrund, für sie und ihre Kundschaft verbessern wir die Software stetig.
 
 
Was sehen Sie als nächsten Schritt in der Weiterentwicklung von SaisonBox?
 
Wir sind aktiv auf der Suche nach neuen Partnern und Standorten, wir möchten das Netzwerk weiter ausbauen. Uns ist es wichtig, den Bäuerinnen und Bauern eine tadellos funktionierende Möglichkeit zur Selbstvermarktung ihrer Produkte anzubieten – und deren Kundschaft gleichzeitig den unkomplizierten Zugang zu frischen, regionalen Erzeugnissen zu ermöglichen. 
 
 
Vielen Dank für das spannende Gespräch!
 
 


 

Individualsoftware – wie finde ich den richtigen Partner?

Die Macher von SaisonBox hatten ein gutes Näschen und haben sich für den richtigen IT-Partner entschieden, der ihnen die vier Apps individuell programmiert hat. 
 
Doch wie finden Sie den passenden Partner für Ihr IT-Projekt? Wer kann Ihnen bei der Digitalisierung Ihrer Abläufe helfen? Da wissen die Fachleute von topsoft Consulting weiter. Sie kennen den Markt und sehen sich als Ihre Partner, wenn es um die Evaluierung des passenden IT-Anbieters im Bereich Individualsoftware geht.