«Finanzprozesse finden künftig in Echtzeit statt» - Themen auf topsoft

«Finanzprozesse finden künftig in Echtzeit statt»

Claudio Hintermann, CEO von Abacus Research, erklärt im exklusiven Interview mit dem topsoft Fachmagazin, worauf es bei der Automatisierung von Finanzprozessen ankommt und welche Auswirkungen damit verbunden sind.
 

Christian Bühlmann: Herr Hintermann, wir haben gerade in einem Restaurant einen Kaffee getrunken. Das Erkennen der Quittung als Spesenbeleg mit AbaClik hat einwandfrei funktioniert. Ist die Automatisierung von Buchhaltungsprozessen so einfach?

Claudio Hintermann: Überhaupt nicht. Wir setzen zwar Künstliche Intelligenz für das Erkennen von Belegen ein, aber das reicht in der Praxis bei weitem nicht. Fehlende Mehrwertsteuersätze, unterschiedliche Firmenbezeichnungen, seltsame Interpretationen von Währungen und falsche Berechnungen von Beträgen gehören zum Alltag. Wir haben diesbezüglich viel gelernt und versuchen es besser zu machen als unsere Mitbewerber. Für uns gilt der Grundsatz: Bevor unsere Software irgendwelche Annahmen trifft, soll sie bitte schön den Anwender um präzisere Informationen fragen. Lösungen, welche von einem «Guessing» ausgehen, verursachen erfahrungsgemäss einen Mehraufwand in der Buchhaltung. Deshalb steht für uns auch nicht die einzelne Funktion, wie zum Beispiel das Erfassen von Spesenbelegen, im Vordergrund. Was uns interessiert, ist der gesamte Prozess.
 
 
Claudio Hintermann, CEO Abacus Research AG: «Bei der Prozessautomatisierung geht es nicht nur um einzelne Funktionen wie das Erkennen von Spesenbelegen, sondern um die Gesamtbetrachtung aller zusammenhängender Finanztransaktionen.» (Bild: Abacus)
 
 

Was kann man sich darunter konkret vorstellen? 

Das ist etwas kompliziert, aber ich versuche es, mehr oder weniger auf den Punkt zu bringen: Stellen Sie sich vor, Sie kaufen bargeldlos an einem Kiosk einen Snack im Wert von sieben Franken. Normalerweise wird die Transaktion erst als Batch abends an das Kreditkartenunternehmen übermittelt. Als Inhaber der Kreditkarte erhalten Sie die Abrechnung dann Ende Monat. Betrifft dies eine Firma, müssen Sie nochmals einige Tage in Kauf nehmen, bis Sie die Spesenabrechnung mit der effektiven Buchung abstimmen können. Solche zeitverzögerten und zudem aufwendigen Prozesse sind definitiv aus dem letzten Jahrhundert. Es nervt mich persönlich, wenn ich das miterlebe. Die Digitalisierung gibt es her, dass wir sämtliche Finanztransaktionen in Echtzeit abwickeln könnten.
 
 

War das mit ein Grund für die strategische Partnerschaft zwischen Abacus und Cornèr Bank?

Ich bin persönlich bei verschiedenen Banken vorstellig geworden. Ausser der Cornèr Bank war niemand in der Lage, unsere Anforderungen an eine Realtime-Verarbeitung zu erfüllen. Auf internationaler Ebene waren nur Revolut und Tranferwise fähig, so eine Schnittstelle zu bieten. Diese Finanzinstitute haben ihre Systeme von Anfang an so aufgebaut, dass sie Transaktionen in Echtzeit abwickeln können. Die Probleme sind, selbst bei renommierten Banken in der Schweiz, einerseits die Systeme und andererseits das Denken. Wir brauchen jetzt Lösungen, nicht erst in zwei Jahren. Logisch, dass wir uns daher an Anbieter wenden, welche mit uns auf die Überholspur wechseln. In Kürze werden wir zusammen mit Swiss21 und Cornèrcard co-branded Kredit- und Prepaidkarten anbieten.
 
Das Besondere dabei ist, dass diesen optimal auf die Buchhaltungsprozesse mit Abacus abgestimmt sind. Die Automatisierung von Transaktionen in Echtzeit ist dabei selbstverständlich. Überhaupt läuft alles, was wir künftig machen unter der Prämisse «Realtime». Dort sehen wir auch den Mehrwert für den Kunden. Die Kreditkarte wird künftig mehr zu einer «Buchhaltungskarte», Debit oder Kredit ist nicht mehr wirklich wichtig. Im Herbst 2020 folgen weitere News von Abacus zur Automatisierung von Zahlungsprozessen. Als Ausblick: Wir sind dabei, eine Plattform in der Cloud zu bauen, wo Unternehmen ihre Informationen sammeln und mit Dritten teilen können. Das wird eine spannende Geschichte.
 
 

Wird sich Abacus nebst der Entwicklung von Software künftig auch im Finanzgeschäft engagieren?

Selbstverständlich nicht. Unser Kerngeschäft ist und bleibt die Softwareentwicklung. Daran wird sich nichts ändern. Uns geht es aber um die Gesamtbetrachtung der Finanzprozesse, nicht nur um das Erkennen von Spesen oder Rechnungen. Software als Eingabehilfe reicht uns nicht. Deshalb haben wir mit «DeepCloud» eine neue Firma gegründet, welche mit DeepO, DeepV und Deep Pay Produkte für die optische Datenerkennung und -strukturierung, die Datenvalidierung, -anreicherung, -vereinheitlichung sowie die Darstellung von Finanzdaten auf einer Kollaborationsplattform anbietet. Abacus ist dort lediglich der erste Kunde. Die Services werden später auch anderen Anbietern aus verschiedenen Bereichen zur Verfügung stehen.
 
 

Wäre eine solche Plattform nicht etwas, was man eher von einem grösseren Zahlungsinstitut erwarten würde?

Den meisten Finanzinstituten fehlen die technischen Voraussetzungen aufgrund veralteter Systeme oder sie haben keinen Zugriff auf die Daten von Kredit-/Debitkarten, da die Abwicklung an Dritte ausgelagert wurde. Wir haben diesbezüglich mit Swiss21 eine Lösung gefunden, welche auch rechtlich abgesichert ist. Wir nutzen keine Zahlungsinformationen, sondern können diese über Deep Pay, unsere Cloud-Bankenplattform, an über 100 Banken weiterleiten. Dass wir Vorreiter sind, hat leider auch damit zu tun, dass viele Unternehmen im Finanzbereich die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt haben. Wir suchen uns Partner, welche bereit sind, mit uns auf die Überholspur zu kommen. Das Institut ist nicht wichtig, sondern der Prozess. Ich sage immer: Wer mir das Problem nicht löst, ist weg vom Fenster. Es gibt eine neue Ordnung, und die ist Realtime. Und wer das Gefühl hat, seine alte Dampflok läuft ja noch, passt nicht mehr in die digitale Welt. 
 
 

Welche Auswirkungen hat die Automatisierung von Finanzprozessen auf die Arbeit von Treuhändern und Buchhaltern?

Als wir Abacus gegründet haben, hatten wir Marketing, Entwicklung und Finanzen. Heute könnte man den Finanzbereich outsourcen, da sich die manuellen Tätigkeiten problemlos automatisieren lassen. Treuhänder oder Finanzchefs, welche sich primär noch in der alten Funktion «Buchungsmaschinen» sehen, werden es schwer haben. Wer sich hingegen serviceorientiert mit seinem Finanzwissen als Analyst einbringt, hat eine blendende Zukunft. Künftig werden Treuhänder und Controller sich als Dienstleister verstehen müssen. Eine Aufgabe, welche anspruchsvoll ist und den Kunden gleichzeitig einen Mehrwert bietet. Mit der Automatisierung von Finanzprozessen findet ein De-Composing statt. Diese Komponenten bilden wir mit «Deep Cloud» ab und lassen sich frei nutzen und zusammenfügen, wenn man sie braucht. Wir wollen Treuhändern, Finanzverantwortlichen und Unternehmen mit unseren Produkten diese Möglichkeiten bieten.
 
 

Auf welches Echo stossen die von Ihnen prognostizierten Veränderungen in der KMU-Realität?

Die meisten Unternehmen sowie auch Privatpersonen wollen ihre Finanzprozesse optimieren. Nehmen Sie nur einmal das Beispiel von Auslandzahlungen. Mit Anbietern wie Revolut oder Transferwise können Sie diese innert Sekunden und zudem viel einfacher erledigen. Kunden gehen zu denjenigen Dienstleistern, welche ihre Anliegen am besten und günstigsten lösen. Das sehe ich an mir selbst. Ich nutze verschiedene Anbieter, und wenn mir es irgendwo nicht mehr passt, wechsle ich.
 
Natürlich wird es immer Leute geben, die sagen, wir wollen nichts ändern. Aber wenn Finanzprozesse logisch durchdacht sind und gleichzeitig noch Vorteile bieten, werden das die Kunden auch akzeptieren. Als Softwarehersteller überlegen wir uns, welche Prozesse künftig relevant sind und wie die Menschen arbeiten. Dementsprechend richten wir unsere Strategie und Produkte aus. Ich bin überzeugt, dass wir vor fundamentalen Veränderungen stehen. Gutenberg hat vor rund 600 Jahren den Buchdruck erfunden. Seit dieser Zeit bis heute denken wir papierbezogen. Mit Realtime-Transaktionen wird dieses Denken obsolet. Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters, der Post-Print-Ära. 
 
 
Vielen Dank, Claudio Hintermann, für das Gespräch.
 
 

 

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