Frischer Wind im Schuhkarton - Themen auf topsoft

Frischer Wind im Schuhkarton

Doch, es gibt ihn immer noch. Den berühmt-berüchtigten Schuhkarton mit einer wilden Sammlung an Buchhaltungsbelegen. Zum Glück nicht mehr lange. Moderne Lösungen, ausgestattet mit Künstlicher Intelligenz und Machine Learning, wollen alte Finanzzöpfe abschneiden. Endlich, werden viele KMU frohlocken, denn der Moment ist gekommen, gründlich über die Bücher zu gehen.
 
Ich muss mich outen. Ich war noch nie ein Jünger der Buchhaltungsgilde. Zu kompliziert, zu intransparent, zu starr, zu verstaubt. Seit Jahrhunderten die gleichen langweiligen Prinzipien. Natürlich ist mir die Bedeutung von Bilanz und Erfolgsrechnung bewusst. Und ich habe grossen Respekt vor den Spezialisten, welche diese Aufgaben so elegant beherrschen, als wären Abschreibungen das Einfachste der Welt. Aber Begeisterung sieht bei mir anders aus. Wenigstens war das bis vor Kurzem noch so.
 
(Bild: shisu_ka / shutterstock.com)
 
 

Buchhalterischer Aha-Effekt

Das ganze Unternehmen wird von der Digitalisierung erobert. Das ganze Unternehmen? Nein, eine kleine Abteilung wehrt sich vehement gegen die digitalen Eroberer. In der Buchhaltung wird nach wie vor nach guter alter Väter Sitte gearbeitet. Ich wusste gar nicht, wie falsch ich damit lag. Heute weiss ich, dass das manuelle Verarbeiten von Buchungsbelegen etwa so antiquiert ist, wie am Schalter der Fluggesellschaft ein Flugticket zu kaufen. Der buchhalterische Aha-Effekt hat sich bei mir allerdings erst bei einem Besuch in einer Beiz eingestellt. Die Quittung für den Lunch hat mein Gastgeber mit einer lässigen App in das finanzielle Mysterium seines Unternehmens geschickt, wo es regelkonform verbucht wurde.
 
 

Ich hasse meinen Job

Nein, nicht ich. Aber es gibt viele qualifizierte Buchhalter und Treuhänder, welche die Erfüllung ihres Lebenstraumes nicht darin sehen, Quittungen und Belege abzutippen und manuell in ein Finanzprogramm zu überführen. Analyse, Controlling, Planung und Beratung sind spannendere Aufgaben, welche zudem den (internen oder externen) Kunden einen grandiosen Mehrwert bieten - allen diesen Menschen, welche Buchhaltung bzw. Finanzen nicht als öde Pflicht, sondern als sinnstiftende Tätigkeit sehen. Hier besteht Hoffnung, denn mit der Digitalisierung wird buchhalterische Sklavenarbeit abgeschafft.
 
 

Mehr als ein Facelifting

Seifenblasen sind faszinierend und bunt, haben aber den Nachteil, dass sie relativ schnell zerplatzen. Nicht so die «Bubble», welche derzeit über der Finanzwelt schwebt. Sie nimmt reale Konturen an. Mehr noch. Sie verändert Prozesse, Geschäftsmodelle und Berufsbilder. Wenn wir heute von Finanzen 4.0 sprechen, geht es um eine vollständig autonome Echtzeitbuchhaltung, welche – und das ist das Gravierende – Sie hier und heute einsetzen können. Möglich machen es innovative Anbieter, wie zum Beispiel Accounto (siehe Interview mit Alain Veuve), welche sich nicht scheuen, neue Wege zu gehen. Da geht es nicht um Facelifting, sondern um den Bruch mit der Vergangenheit. Es ist ein Paradigmenwechsel, wie Alain Veuve es ausdrückt.
 
 

Plus Kompetenz, minus Kosten

Wirtschaftlich denkende KMU (und welche sind das nicht) haben ein gutes Gespür für Kosten. Administration und Buchhaltung sind Gegebenheiten, welche jeder Unternehmer bisher zähneknirschend in Kauf nehmen musste. Gute Leute sind teuer, Software kostet und die Rahmenbedingungen sind definiert. Das Verrückte dabei ist, dass damit nicht einmal ein Mehrwert verbunden ist. Dies alles ändert sich mit der digitalen Buchhaltung. Hoppla, werden Sie als Leserin oder als Leser jetzt sagen. Das gibt es ja schon lange, schliesslich gehört Buchhaltungssoftware zu den Urgesteinen in der Entwicklung von Computerprogrammen. Das Disruptive an der neuen Generation an Finanzlösungen ist, dass sie auf Automatisierung und Autonomisierung ausgerichtet sind. Manuelle Dateneingaben, manuelle Kontenabstimmung, manuelle Buchungen, Sortieren, Ablage – all das gehört in Zukunft der Vergangenheit an. Mehr noch: Die Software kümmert sich auch um fehlende Belege und Unterlagen. 
 
 

Technologie als Preistreiber

Moderne Software übernimmt die tagtägliche Buchungsarbeit, prüft sie auf Richtigkeit und konzentriert sich darauf, die Prozesse für den Kunden so einfach wie möglich zu gestalten. Dadurch können Unternehmen ihre Verwaltungskosten senken, schaffen dabei Echtzeit-Zugriff auf ihre Finanzdaten, steigern die Sicherheit und eliminieren Fehlerquellen. Laut Alain Veuve, CEO und Gründer von Accounto, kostet allein die Buchhaltung die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Schweiz jedes Jahr 12 Milliarden CHF. Diese Kosten, ist Veuve sicher, können um bis zu 80 % gesenkt werden. 
 
 

Interview mit Alain Veuve, CEO und Gründer von Accounto

Der erfolgreiche Unternehmer und IT-Experte Alain Veuve will mit seinem aktuellen Projekt «Accounto» mühsame administrative Aufgaben für Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Treuhandbüros auf ein absolutes Minimum reduzieren. Im Gespräch erklärt er weshalb dies so wichtig ist und gibt zudem spannende Einblicke in die unternehmerische Reise von Accounto.
 
 

Accounto wirbt mit dem Slogan «Das Ende des Zettelkriegs». Weshalb sagt Accounto gerade dem Zettelkrieg in KMU den Kampf an?

Der «Zettelkrieg» ist natürlich eine Metapher für mühsame, umtriebige, laufende Buchhaltungsarbeit. Viele Kleinunternehmerinnen und -unternehmer geben dafür ein Vermögen aus und/oder ärgern sich regelmässig grün und blau. Dazu kommt, dass gerade sie, die Kleinunternehmer, selten über aktuelle und verlässliche Finanzzahlen verfügen. Wir finden, damit muss Schluss sein! Über die Zeit haben wir gelernt, wie wichtig gute Treuhänder für KMU sind. Treuhänder, die Kleinunternehmerinnen proaktiv beraten und ihr hochwertiges Expertenwissen einbringen, sind unersetzlich. Dazu muss der Treuhänder aber genügend Zeit haben und sich nicht um repetitive und teilweise niederschwellige Arbeiten wie z. B. der laufenden Buchhaltung kümmern müssen. 
 
 

Wie unterstützt Machine-Learning, das Ende des Zettelkrieges in KMU herbeizuführen?

Accountos Plattform ist keine herkömmliche Buchhaltungssoftware, in der jemand Buchhaltung «macht», sondern viel mehr eine Produktionsumgebung für Buchhaltungsresultate. Sie bieten allen Teilnehmenden – den Kleinunternehmern, den Treuhändern und unseren Support-Spezialisten – situationsgerechte Handlungsmöglichkeiten. Aus allen Handlungen der Teilnehmenden lernt die Plattform jederzeit und stellt diese Learnings allen wieder zur Verfügung. Machine-Learning sorgt da für diese Effizienzgewinne.
 
 

Wie seid Ihr auf die Idee mit Accounto gekommen und wie haben die ersten Schritte ausgesehen?

Ursprünglich wollten wir eine viel bessere Buchhaltungssoftware bauen, als was vor 2 Jahren am Markt war. Also haben wir auf Papier ein neues Produkt skizziert und viele Kleinunternehmer befragt. Viele haben uns gesagt: «Wenn ihr uns was Gutes tun wollt, dann baut nicht noch eine Buchhaltungssoftware, sondern baut etwas, dass uns die Buchhaltung zum günstigen Festpreis abnimmt, etwas, was uns nicht mehr an Buchhaltung und Zettelkrieg denken lässt». Das haben wir dann Schritt für Schritt umgesetzt. 
 
 

Was waren bisher die grössten Herausforderungen für Accounto?

Die grösste Herausforderung war immer wieder von der Komplexität überrascht zu werden. Sobald der Kunde nicht in der Bringschuld steht, sondern der Serviceanbieter Accounto in der Holschuld, ergeben sich ganz andere Prozesse. Wir haben Schritt für Schritt Prozesse systematisiert und immer mehr Software gebaut, welche automatisiert. 
 
 

Wohin soll die Reise von Accounto noch gehen und was sind zukünftige Herausforderungen?

Ich denke, Accounto steht erst am Anfang. Unsere Kernkompetenz, die radikal automatisierte laufende Buchhaltung, können wir noch stark ausbauen. Die Plattform von Accounto findet technologisch nichts Ähnliches im Buchhaltungsumfeld – sie ist vielmehr eine schnell-lernende Buchhaltungsroboterarmee als eine Buchhaltungssoftware. Ich denke, die zukünftige Herausforderung von Accounto ist, radikal innovativ zu bleiben, also unseren Kunden in hohem Takt neue Features und Verbesserungen anzubieten. Und, KI-Plattformen sind nie abgeschlossen und fertig — sie lernen im Gegenteil immer schneller dazu.
 
 

 

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