Nur unsicher ist sicher

In seiner Kolumne geht Peter Metzinger heute der Frage nach, wie wichtig die Unsicherheit für uns eigentlich ist und warum wir gerade von der Wissenschaft etwas über die Vorteile der Unsicherheit lernen können.
 
 
Peter Metzinger ist Physiker, Campaigning-Pionier und Spezialist für Veränderungsmanagement. (Bild: Regula Roost)
 
 
Wenn ich mir etwas wünschen kann, das wir aus den letzten beiden Jahren der Pandemie gelernt haben, dann ist es eine gestärkte Fähigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen. Vieles stand schon geschrieben, was wir hoffentlich nach der Pandemie weiterführen werden, vom Homeoffice bis zu den Hygienemassnahmen. 
 
Von einem besseren Umgang mit der Unsicherheit habe ich aber nichts gelesen. Dabei wäre dies eine der besten Lektionen. Wer mit Unsicherheit nicht umgehen kann, bekommt es mit der Angst zu tun. Manche reagieren darauf mit irrationalem Verhalten, zum Beispiel dem Abstreiten von Realitäten, einer überheblichen Besserwisserei gegenüber Wissenschaft und Forschung oder sogar mit dem Abdriften in die Welt der Verschwörungsmärchen. Zum Glück sind diese Menschen eine Minderheit, wie sich in der Pandemie zeigte – aber sie sind lautstark. 
 
Das Gegenteil davon ist Freude an der Unsicherheit, Spass daran zu haben, mit Kreativität Szenarien zu entwickeln und sich darauf vorzubereiten. Eine solche Haltung schützt aufgrund der positiven Einstellung gegenüber Veränderungen vor psychischen Schäden. Und auch vor wirtschaftlichen, denn gewappnete Unternehmen überstehen Krisen besser als solche, die nach dem Modus operieren, dass alles immer so sein wird, wie es schon immer war. Sie erlaubt flexibleres Reagieren und die Chancen zu packen, die in jeder Krise stecken. 
 
Es ist kein Zufall, dass Menschen mit wissenschaftlicher Ausbildung besser durch die Krise gekommen sind als andere. Wissenschaftler lieben eine spezielle Form der Unsicherheit: die des Wissens. Wissenschaftliches Denken ist geprägt durch die Erkenntnis, dass wir nicht wissen, was wir alles nicht wissen. Alles, was an Wissen geschaffen wird, muss als vorläufig betrachtet werden. Schon morgen könnten neue Erkenntnisse vermeintliche Gewissheiten obsolet machen. Solche Bescheidenheit gegenüber der Erkenntnis darf man nicht als Schwäche interpretieren. Unsicherheiten zugeben zu können, ist eine Frage der Aufklärung – und hat uns Jahrhunderte stetig steigenden Wohlstands beschert.
 
 
Peter Metzinger ist Dipl. Physiker, Campaigning-Pionier (Spitzname «Mr. Campaigning») und Spezialist für Veränderungsmanagement unter erschwerten Bedingungen. Im Mai 2020 lancierte er die Plattform ReclaimTheFacts, um sich durch Campaigning für Fakten gegen die Verbreitung von Falschinformationen zu engagieren. Er ist überzeugt, dass sich den Fakten zu stellen, eine Gesellschaft auf Dauer wohlhabender, friedlicher und krisenresilienter macht.
 
 
 

Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 22-1

 

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