Open Source Software für KMU - Antworten von Powersolutions

16.11.2023
4 Min.
Im Business-Software-Markt gibt es erst wenige Open Source-Lösungen. Doch OSS gewinnt auch hier an Boden, denn die Vorteile, besonders auch für KMU, sind bemerkenswert. Wir haben uns mit vier Fachpersonen unterhalten, hier finden Sie die Antworten von Stefan Vogel von Powersolutions.
 

Stefan Vogel

 
Es gibt viele Vorurteile, wenn es um Open Source Software geht: Sie sei unsicher, man müsse auf Support verzichten, sie sei ungeeignet für kritische Infrastrukturen oder sie sei qualitativ minderwertig sind nur einige davon.
 

Vertreter von Open Source Business Software halten vehement dagegen. Das sei wohl eher Propaganda der etablierten finanzkräftigen Player auf dem Markt. Gerade, weil so viele Entwicklerinnen ununterbrochen ein Auge auf die Software werfen, kämen Fehler und Hintertürchen sofort zum Vorschein und würden umgehend korrigiert, denn kein Entwickler wolle in schlechtes Licht geraten. Im Gegenteil, die Open Source Teams wolle sich profilieren und entwickelten mit viel Leidenschaft und Engagement neue Lösungen. 

Um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen und die Vorteile von Open Source Software im Business-Bereich aufzuzeigen, haben wir uns mit vier Fachleuten darüber unterhalten. Hier finden Sie die Antworten von Stefan Vogel von Powersolutions.

 

Ein paar Fragen zu Open Source Business Software für KMU

Welche Unternehmen setzen Open Source Business Software ein? Gibt es dabei ein Muster? 

Grundsätzlich ist Open Source Business Software für jede Firma ein Thema. Aber man sieht schon, dass es eher Firmen sind, die sich getrauen auch Alternativen zu «den Grossen» ins Auge zu fassen. Es sind Firmen, wo die Leistung wichtiger ist als das, was der Kollege einsetzt.

Einige Firmen schauen wegen des günstigen Preises nach Open Source. Aber heute gibt es auch einfache proprietäre Software, die sehr günstig ist.

Bei tryton.cloud steht ein anderer Aspekt im Vordergrund. Hier sind es eher Firmen, wo die Leitung «selber» sagen will, was die Software wie tun soll und das ist hier möglich, weil die legoartige, modulare und robuste Struktur des Frameworks dafür ideal ausgelegt ist, im Gegensatz zu praktisch allen Open Source Business Software auf dem Markt.

 

Warum setzen diese Unternehmen OS Business Software ein? Gibt es dazu ganz bewusste Entscheidungskriterien – ausser Funktionalen?

Durchaus. Man schaue gerne gemäss ISO 25010, was Qualitätsmerkmale einer guten Software sind. Es wird einem sofort klar, dass nur Open Source (nicht zu verwechseln mit Open Core Lösungen) mit Gütesiegel «GNU Public License Version 3» das leisten kann.

Bei tryton.cloud steht ISO 25010 im Fokus. Man ist nicht an dem Willen eines Herstellers oder Lieferanten gebunden, Hintertürchen sind sofort erkennbar, man kann selber die Software erweitern, Schnittstellen sind öffentlich, man entwickelt gemeinsam und bringt viel mehr Wissen in die Geschäftsprozesse rein, Software ist viel durchdachter, eigene Investitionen helfen auch anderen Firmen, selber profitiert man von den Investitionen anderer Firmen.

Nur mit Open Source ist man aber noch nicht am Ziel. Auch der rechtliche Rahmen muss stimmen. Daher ist es wichtig, dass die Open Source Software in der Schweiz betrieben wird und zwar bei einem Hoster, der wie zum Beispiel Infomaniak ausschliesslich schweizerischem Recht untersteht, was bei einer amerikanischen Firma zum Beispiel nicht gegeben ist.

 

Für welche Unternehmensgrössen eignet sich ein Open-Source-ERP? Gibt es beispielsweise Grenzen gegen oben oder unten?

Eigentlich nicht. 80 % des Internets läuft auf dem Open Source Betriebssystem Linux. Auch die dort eingesetzten Datenbanken sind fast alle Open Source und haben Power ohne Ende. Programmiersprachen wie Python sind durch die riesige Community hoch optimiert und flexibel. Die Technologien sind extrem leistungsfähig und werden daher auch von Microsoft, Google und allen grossen Playern eingesetzt und interessanterweise auch aktiv gefördert, denn sie wollen auch profitieren.

Runter gebrochen auf die trton.cloud Business Software ist es dasselbe in Grün. Debian Linux als Server, PostgreSQL als Datenbankserver, Python für den Applikationsserver. Alles zusammen eine robuste und leistungsfähige 3-Tier Architektur. Tryton kann Millionen von Transaktionen innerhalb Kürze erledigen.

Und dennoch können auch kleine Firmen damit arbeiten. Sie sind froh, ein professionelles Software Fundament zu haben, sollten sie mal wachsen. Sie sind froh, mit wenigen einfachen “Software Legosteinen” beginnen und bei Bedarf das System mit wenigen Klicks ausbauen zu können.

 

Auf was sollten KMU Anwender achten, wenn sie sich für eine Open Source Business Software Lösung interessieren? Was gilt es zu beachten?

Machen Sie den Kopf frei. Seien Sie auch «open» im Kopf und interessiert für neue Ideen und neue Arten Lösungen zu finden. Und stellen Sie sich vor, dass Sie neue und eigene Ideen auch umsetzen können und zwar mit vernünftigem Aufwand. Was für eine Befreiung! Endlich können Sie es besser machen als die Mitbewerber.

 

Kann ich Open-Source-Software in meine bestehende IT-Infrastruktur integrieren? Und kann ich spezialisierte Drittsysteme problemlos an ein Open-Source-ERP anschliessen?

Hier kann tryton.cloud so richtig Punkte holen. Wir haben wegen Open Source gut zugängliche Schnittstellen, so genannte API (Application Programmer Interface).

Damit kann man zum Beispiel problemlos externe Webshops oder Systeme von Lieferanten anbinden. Der Clou ist, die Anbieter und Lieferanten können das sogar selber machen! Was für eine Erleichterung für Sie (auch bezüglich der Kosten).

Falls Sie grosse Kunden haben, die eigene Systeme haben, können auch diese angebunden werden und zusammenspielen.

Sie können sogar eine eigene App erstellen und an tryton.cloud anhängen. Wir machen das auch bei uns und unseren tryton.cloud Kunden

 

Wie wird Open Source Software weiterentwickelt oder angepasst?

Das ist ein zwiespältiges Thema. Es gibt ja echte und unechte Open Source Lösungen. Bei letzterer schaut eine Firma «hinter dem Vorhang».

Bei den echten Open Source Lösungen arbeitet eine Community. Das ist eine Ansammlung von Personen und Firmen, die Zeit und Geld investieren. Es gibt keine «graue Eminenz» oder sowas, die ein Garant sein würde. Daher ist es wichtig, dass eine Community nicht nur aus ein, zwei oder sieben Mitgliedern besteht, sondern gross und kräftig ist.

Die Leute müssen sich treffen und rege diskutieren und Power und Enthusiasmus rein stecken, so wie das bei Tryton.org, der Foundation von Tryton, der Fall ist. Gerade im letzten Sommer fand die grosse Unconference in Berlin statt, wo sich viele Tryton Spezialisten trafen und zusammen neue Ideen fanden und sogar gleich neuen Code austüftelten. Es war super dabei zu sein und zu sehen, wie eigene Anregungen direkt einfliessen konnten. Hier kann man etwas bewirken, was in grossen Firmen kaum noch möglich ist.

 

Wie gut ist der Investitionsschutz, gibt es sowas wie eine Update-Garantie?

Ja, das kann man bei echter Open Source Software wie Tryton schon so sagen, denn sie basiert einerseits auf GPL v3 und hat andererseits eine grosse Community, die gerade Version 7.0 von Tryton veröffentlicht hat.

Und wenn aus unerwarteten Gründen die Community zusammenbricht, so kann man mit dem Code selber weiter machen. Will man das nicht, so hat man immer noch freien Zugang zu den eigenen Daten und kann problemlos auf eine neue Software umsteigen.

Übrigens. Bei unechten Systemen des Typs «Open Core», wo also nur ein kleiner Teil der Software frei zugänglich ist, ist es natürlich nicht besser als bei einer normalen proprietären Software.

 

Wie aufwendig ist die Implementierung einer Open Source Software im Vergleich zu einer Standardlösung, vom zeitlichen und vom preislichen Aspekt her?

Wenn man eine Open Source Software ganz selber in Betrieb nehmen will, so braucht es auch Fachwissen, aber es ist zumindest möglich, was bei proprietären System mangels Lizenz nicht geht. Auch Zeit braucht es in beiden Fällen und wohl ähnlich viel.

Um diese Hindernisse abzubauen haben wir mit Tryton die SaaS-Lösung «tryton.cloud» entwickelt. Man kann sich das vorstellen wie ein Sessellift mit bereits vorbereiteten Sesseln. Kommt ein neuer Kunde, so schalten wir die Sitzheizung ein und der Kunde kann bequem starten.

Es ist aber ein James-Bond-Sessellift, denn der Kunde kann während der Fahrt die Temperatur der Heizung erhöhen (Leistungserhöhung des Servers), wenn es übel zu schneien beginnt hat es eine Schutzhaube (Sicherheitsüberwachung, Sicherheitsupdates, laufende Updates), eine Bond-Girl-Verdunklung (anpassbare Farben der Bedienoberfläche), eine Hostesse, die man rufen kann (tryton.cloud Support) und eine Mini-Bar (Erweiterung mit gewünschten Funktionen). So macht Business Software wirklich Spass!

 

Oft wird die Sicherheit von Open Source Lösungen angezweifelt. Hat das was?

Im Gegenteil. Bei echter Open Source Business Software wie Tryton haben alle Entwickler Zugriff auf den Code. Dieser wird laufend im Multi-Augen-Prinzip geprüft und bei Bedarf umgehend verbessert

Auch interessant ist der Aspekt, dass Software heutzutage oft auf Basis anderer Software gebaut wird. Bei Open Source ist in der Regel auch etwaige darunter liegende Basis Software Open Source. Daher kann die Sicherheit hierarchisch in Griff gehalten werden.

Bei proprietären Systemen kaufen Firmen oft Software von anderen Firmen ein und in jene Software kann man ja nicht rein schauen. Also ist man total im Blindflug, ob man sich durch die andere Software ein Hintertürchen eingeschleust hat.

Die Open Source Variante ist sicher nicht perfekt, aber zumindest viel besser und vor allem transparenter als die proprietären Systeme, wo Fehler nicht repariert oder noch schlimmer – gar nicht bemerkt werden.

 

Wie sicher sind diese Systeme generell? Und ist zum Beispiel der Aufwand zum Schutz vor Angriffen von aussen grösser oder kleiner als bei Standardlösungen?

Das hat weniger mit der Open Source Business Software selber zu tun, als mit dem so genannten «Deployment», also der Technik, wie man die Software den Benutzern bereitstellt. Da gibt es ja Server und Netzwerke, über die der Benutzer auf die Server zugreift.

Nichts gegen italienische Autobahnen, aber es ist ein wenig wie dort. Ich sitze also am Computer und fahre los mit meinem «Auto». Erste Zahlstelle und ich nehme das Ticket aus dem Automaten (Zertifikat). Ich fahre auf der schönen und sicheren Autobahn, nicht auf unsicheren Nebenstrassen mit Schlaglöchern und Banditen. Im «Autogrill» halte ich an und hole mir eine feine Pizza und danach einen Espresso (meine digitalen Daten von der Datenbank). Ich werde nicht übers Ohr gehauen, da die Autobahngesellschaft dazu schaut (die Server werden durch das Serverteam sicher gehalten).

Das tönt nun alles ganz banal, aber es ist heute extrem schwierig geworden. Ich werde oft gefragt, «kann ich Tryton nicht auch bei mir in der Firma installieren?» und ich antworte dann, «kann eure IT die Sicherheit und die nötigen Updates gewährleisten?». Danach kommt eisernes Schweigen. Keine Ahnung. Und nein, sie können das nicht mehr. Die Angriffsfront hat in den letzten Jahren, besonders seit Corona, dermassen zugenommen.

Wenn ich schaue, was wir mit unserem Provider zusammen an Sicherheitsaufwand in die tryton.coud Infrastruktur investieren, so ist das für eine normale Firma alleine kaum mehr zu stemmen. Wir haben das Glück, die Aufwände auf viele Kunden verteilen zu können und somit kommen wir über die Runden.

Aber auch hier. Bei einer Open Source Lösung habe ich die Datenbanken und Sicherheitssysteme in Griff, weil auch diese Open Source sind und qualitativ hochwertig. Bei proprietären Systemen muss man darauf vertrauen, dass der Hersteller korrekt und rechtschaffend ist, was in der heutigen Zeit leider schwierig geworden ist. Man denke nur an den «USA Patriot Act», der unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erlassen wurde.

 
 
 
 
 
iHilfe Powersolutions GmbH | 6003 Luzern | www.powersolutions.ch

Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 23-3

 

Das Schweizer Fachmagazin für Digitales Business kostenlos abonnieren

Abonnieren Sie das topsoft Fachmagazin kostenlos. 4 x im Jahr in Ihrem Briefkasten.